01.02.2018 / Medien / / ,

Portrait im Tagesanzeiger

Die Krawatte unter Kontrolle.

Text von Rafaela Roth

Markus Hungerbühler kämpft für gleiche Rechte und gleiche Regeln für alle. Jetzt will der schwule Vater für die CVP in den Stadtrat.

Markus Hungerbühler schaut einem nicht gern in die Augen. Wenn der Gesprächspartner seinen Blick nach langem Suchen findet, reisst der Kontakt schnell wieder ab. Hungerbühler will ­lieber nicht zu tief blicken lassen.

Der 43-jährige CVP-Politiker mag Recht und Ordnung. Er mag Anstand und Ehrlichkeit, Respekt und Verlässlichkeit, keine Nähe. Gross geworden in privaten Internaten in St. Gallen und ­Engelberg und als späteres Mitglied einer Studentenverbindung mag Hungerbühler Regeln – und nicht, wenn es zu sehr menschelt. Letzten März, nach fast sieben Jahren im Gemeinderat, stellte er den Antrag, dass die Voten in den Sitzungen auf Hochdeutsch und ­damit weniger emotional und effizienter vorgetragen werden sollten. Der ­Antrag wurde abgelehnt.

Schon wieder viel zu nahe kamen ihm seine Parteikollegen anlässlich seiner Nominierung als CVP-Kandidat. Mit der Parteileitung hatte Hungerbühler vereinbart, dass er als Stadtzürcher CVP-Präsident die Delegierten über seine persönliche Situation in Kenntnis setzen müsse. «Ich werde nun ein Töchterchen aufziehen», sagte der gebürtige Thurgauer an diesem Abend – und wurde mit 35 zu 24 Stimmen klar als Stadtratskandidat nominiert. Dass eine Leihmutter aus den USA das Kind geboren hat, sagte er nicht. Anonym kritisierten ihn danach CVP-Mitglieder aus der Basis dafür. Eine Leihmutterschaft sei mit dem C in der Parteiabkürzung nur schwer zu vereinbaren. Doch die Parteileitung und auch Hungerbühler selbst erklärten die Leihmutterschaft zur Privatsache.

Reisefotos ohne Menschen

Seither spricht man öffentlich kaum mehr darüber. Eine Nanny kümmert sich um den Säugling, eine Reinigungsfachkraft hilft im Haushalt. Hungerbühlers Partner, ein Jurist, ist berufstätig. An den Wochenenden fliegt die kleine Familie regelmässig per Flugzeug durch Europa. Die Bilder dazu postet Hungerbühler, von Freunden «Hungi» genannt, auf Facebook – aber nur jene ohne Menschen drauf. Sein Alltag ist durchge­taktet, durchorganisiert. Was er mit anderen teilt, ist kontrolliert. Und seine Krawatte sitzt immer perfekt.

Dass eine Leihmutterschaft in der Schweiz verboten ist, beirrt Hungerbühler nicht in seinem scharfen Law-and-Order-Kurs. Am meisten stört ihn in Zürich das besetzte Koch-Areal. Viel markiger als seine bürgerlichen Kollegen verurteilte er es zum Wahlkampfauftakt der bürgerlichen «Top 5». Besetzungen, unbewilligte Demos und Saubannerzüge seien fehl am Platz, «sie führen zu einer Untergrabung der Staatsgewalt».

Mit dem Wahlkampfslogan «Gleiche Rechte für alle» verquickt er mühelos sein Engagement für LGBT-Rechte (lesbisch, schwul, bisexuel und transgender) und seine Rage gegen «Besetzer und Chaoten». Gleiche Rechte für alle, gleiche Regeln für alle. So einfach ist das. Und so ordentlich. Doch Hungerbühler selbst ist nicht so widerspruchsfrei, wie er politisieren will: Ein moderner Familienmensch in einer konservativ-christlichen Partei, eine Law-and-Order-Politik in allen Regenbogenfarben, mit einem Herz für Migranten, das nach rechts ausschlägt.

«Gesellschaftspolitisch überraschend offen» nennt ihn Gemeinderatskollege Markus Knauss (Grüne), aber auch einen «Typen mit Handschlag-Qualitäten». Knauss und Hungerbühler spannten zusammen in der Frage um die Erhöhung der Parkgebühren und erreichten einen breit getragenen Kompromiss. «Wenn er sich zu einer Position durchgerungen hat, steht er zu seiner Haltung, und man kann sich auf ihn verlassen», sagt Knauss. Doch habe er die CVP-Fraktion stark nach rechts geführt.

Die Fraktion sei nicht rechter als ­früher, entgegnet ihre Präsidentin Karin Weyermann. Sie lobt Hungerbühlers stabile CVP-Politik. Als ehemaliger Parteisekretär im Aargau und Thurgau sei er hervorragend vernetzt: «Er ist eine starke Persönlichkeit in der Fraktion und unermüdlich am Lobbyieren.» Gerade sein aktives Lobbying im bürgerlichen Sektor stösst im linken Spektrum sauer auf, seine Bemühungen, bei der SVP gut anzukommen, als anbiedernd wahrgenommen. Legendär im Rat ist der «Hungerbühler»-Ruf der SVPler, wenn die CVP nicht auf SVP-Linie stimmte. «Mit hochrotem Kopf ging er der SVP dann die CVP-Entscheide erklären», sagt Alan David Sangines (SP). Beim jetzigen CVP-Stadtrat und ehe­maligen Gemeinderat Gerold Lauber sei dies undenkbar gewesen.

Der langjährige Gemeinderat Niklaus Scherr (AL) ortet bei Hungerbühler, gerade auch bei der Koch-Areal-Kritik, eine «politische Fassade». «Wofür er aber genau einsteht, ist nicht ganz klar.» Pirmin Meyer (GLP), der seit fast einem Jahr unmittelbar hinter Hungerbühler sitzt, geht es ähnlich: «Umgänglich, aber nicht fassbar», sagt er. Die Frage bleibe: «Who is Hungi?»

Die Ehe-Definition der CVP

Die Gay-Community nimmt Hungerbühler das bürgerliche Ticket übel. In Inseraten in Schwulen-Magazinen empfiehlt Hungerbühler immer seine bürgerlichen Kollegen mit. Die stehen gemäss Fragebogen der Homosexuellen Arbeitsgruppe Zürich kaum für Homo-Rechte ein. Ebenso schlecht kam es an, dass Hungerbühler als langjähriges Mitglied der Fachgruppe LGBT der CVP die Initiative mit der Definition der Ehe als ­Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau zuerst öffentlich verteidigte und erst verurteilte, als die Kritik hochkochte. CVP-Präsident Gerhard Pfister erklärte in einem TA-Interview, Hungerbühler habe als Kronzeuge kein Problem mit der Formulierung gehabt. «Hier hätte ich mir von Anfang an eine klare Haltung gewünscht. Stattdessen hat er diese gefährliche Initiative zunächst verteidigt», sagt Sangines, der sich ebenfalls für LGBT-Rechte einsetzt.

Trotz allem: Vereinbarkeit von Familie und Beruf – auch für Regenbogen­familien – steht an erster Stelle auf Hungerbühlers Wahlkampf-Flyer. Als Geschäftsführer des Baumeisterverbands ist er für mehr bezahlbaren Wohnraum dank Privaten. Er fordert weniger Bürokratie fürs Gewerbe und einen fliessenden Strassenverkehr.

Hungi ist nicht der Mann mit der grossen Vision für Zürich. Er mag die Welt sauber und ordentlich. So wie den Hof eines Internats.

Quelle: tagesanzeiger.ch

Markus Hungerbühler, CVP, Stadtratskandidat 2018, vor dem Kochareal, Zürich, 29.1.2018, Foto Dominique Meienberg