20.09.2017 / Wocheninterview / /

«Ich halte nichts von Windfahnenpolitik»

Markus Hungerbühler, die 246 Bundesparlamentarier haben entschieden. In den Bundesrat gewählt wurde Ignazio Cassis. Sind Sie überrascht?

Nein, ich habe schon vor zwei Wochen vorhergesagt, dass mein Bauchgefühl auf Cassis weist.

Ist Ihr Bauchgefühl ein verlässlicher Indikator?

Oft, aber leider auch nicht immer. Auch das Bauchgefühl kann trügen …

In den USA irritiert Präsident Donald Trump seine Anhänger, weil er mit den Demokraten zusammenspannt. Treue Wegbegleiter greifen nun Trump frontal an. Überrascht Sie das?

Nein, absolut nicht. Donald Trump vergrault mit seinem Führungsstil die Menschen. Er erwartet absolute Loyalität, sieht sich aber persönlich zu keiner Loyalität verpflichtet. Mir zeigt das, wie wichtig es in der Politik ist, zu Versprechen zu stehen und verlässlich zu sein. Ich halte nichts von Windfahnenpolitik. Was ich im Wahlkampf verspreche, werde ich als Stadtrat halten. Denn Vertrauen ist das zentrale Gut in der Politik.

Die Wirtschaftskommissionen des Nationalrats und des Ständerats wollen die Besteuerung des Eigenmietwerts abschaffen. Was ist Ihre Haltung zu diesem fiktiven Einkommen?

Ich bin schon seit langer Zeit ein Befürworter der Abschaffung dieses fiktiven Einkommens. Zugleich ist aber mit dem Systemwechsel auch auf die bisherigen Abzugsmöglichkeiten zu verzichten. Das führt zu einem gerechteren, effizienteren und vereinfachteren Steuersystem. Und es gelten dann für Mieter und Eigentümerinnen und Eigentümer von Häusern dieselben Regeln.

Am 20. September treten die Rolling Stones wieder in Zürich auf. Als sie vor 50 Jahren in Zürich waren, kam es zu Tumulten, aus Stühlen wurde Kleinholz. Das war der Auftakt der 68er-Jugendkrawalle. Was sehen Sie im Rolling-Stones-Konzert von 2017?

Die Zeiten ändern sich. Ich gehe nicht davon aus, dass es wiederum zu Tumulten kommen wird. Die Jugendkrawalle von 1968 waren Ausdruck eines weitverbreiteten Missmutes und einer bleiernen Zeit auch in der Stadt Zürich. Heute sieht man das alles mit anderen Augen.

 

Interview: Anton Ladner | Redaktionsleiter «Doppelpunkt»