28.02.2018 / Medien / / ,

Ein ungewöhnlicher Kandidat

Portrait von Markus Hungerbühler in der Thurgauer Zeitung.

Text von Tobias Bolli

Der Amriswiler Markus Hungerbühler will Zürcher Stadtrat werden. Die «NZZ» bezeichnet ihn als «wandelnden Widerspruch».

Markus Hungerbühler gefällt es in Zürich. Er wohnt bereits 15 Jahre dort und macht gerade Wahlkampf für den Einzug in den Stadtrat. Doch seine Thurgauer Wurzeln hat der 43-jährige Historiker nicht vergessen. Schliesslich legte er den Grundstein für seine politische Laufbahn in Amriswil: Bis 2002 war er Vorstandsmitglied der CVP Ortspartei und zwei Jahre lang Präsident der Jungen CVP Thurgau. Ausserdem ist Sommeri sein Heimatort.

Seit Hungerbühler in Zürich wohnt, vermisst er besonders die schöne Thurgauer Natur. «Der ländliche Oberthurgau mit seiner Weite, den vielen Obstbäumen und dem Bodensee hat für mich einen Charme, der mir in Zürich ein wenig fehlt», sagt Hungerbühler. «Und ich vermisse die Spaziergänge durch die Wälder rund um Amriswil und das Naturschutzgebiet Hudelmoos.»

Nicht zuletzt schätzt Hungerbühler, dass er hier nicht ständig Sticheleien ausgesetzt ist: «Ich muss mich für meinen Dialekt weder rechtfertigen noch entschuldigen.» Allerdings habe er sich nach so langer Zeit in Zürich an die Sprüche gewöhnt. «Er ist und bleibt halt schön, auch wenn viele Zürcher das nicht wahrhaben wollen», sagt Hungerbühler.

Vielleicht auch deshalb ist der reisefreudige CVPler immer wieder im Thurgau anzutreffen. «Ich besuche regelmässig meine Mutter, die im Hellmühle-Quartier lebt.» Verwandte und Freunde habe er in allen Gegenden des Kantons. «Orte, die ich immer wieder gerne besuche, sind das Schloss Hagenwil, die Karthause Ittingen, Arbon, Kreuzlingen oder Romanshorn – Amriswil ist sowieso gesetzt.»

Hungerbühler ist ein untypischer Vertreter der CVP. Von der «NZZ» wurde er gar als «wandelnder Widerspruch» bezeichnet. Zwar politisiert Hungerbühler grundsätzlich liberal und setzt sich etwa für das Ausländerstimmrecht auf Gemeindeebene ein. Seine Sicherheitspolitik schlägt aber deutlich nach rechts aus. Nicht von ungefähr tritt Hungerbühler für die Stadtratswahlen als Teil eines bürgerlichen Fünfer-Tickets an. So will er eine strenge und konsequente Anwendung des Gesetzes. Das besetzte Koch-Areal in Zürich würde er am liebsten räumen lassen.

Auf Hochdeutsch lässt sich besser debattieren
Möglichst geordnet wünscht sich Hungerbühler auch die politische Debatte. So stellte er letztes Jahr den Antrag, Wortmeldungen im Gemeinderat nur noch auf Hochdeutsch erfolgen zu lassen. Damit verband sich für ihn die Hoffnung, eine sachlichere und präzisere Diskussionskultur zu etablieren. Der Antrag hatte im Gemeinderat aber keine Chance.

Neben dem Law-und-Order-Kurs entspricht auch das Privatleben Hungerbühlers nicht unbedingt dem eines stereotypen CVPlers. Hungerbühler lebt mit seinem Freund in einer eingetragenen Partnerschaft und hat für den gemeinsamen Kinderwunsch eine Leihmutter aus den USA verpflichtet – eine Praxis, die in der Schweiz derzeit illegal ist.

Von der Parteibasis trug ihm das einige Kritik ein. Eine solche Lebensführung sei mit den christlichen Grundwerten der CVP nicht vereinbar, liess ein Mitglied anonym verlauten. Hungerbühler nimmt diese Kritik gelassen. Er könne Meinungsverschiedenheiten bei diesem Thema verstehen. Für ihn wie auch für die Parteileitung der CVP ist die Leihmutterschaft aber Privatsache.

Nachdem die bisherige Stadträtin Claudia Nielsen ihren Verzicht auf eine abermalige Kandidatur bekanntgab, sind Hungerbühlers Chancen wohl gestiegen. Sollte es am 4. März dennoch nicht klappen, könnte er sich theoretisch für ein anderes Amt bewerben: Nächstes Jahr wird in Amriswil ein neuer Stadtpräsident gewählt. Eine denkbare Alternative für ihn? «Das wäre doch was», hebt Hungerbühler an.

«Im Ernst, das überlasse ich den Politikern, die dort gut verwurzelt sind.» Nach 15 Jahren in Zürich könne er das von sich wohl nicht mehr behaupten.

Quelle: tagblatt.ch