Liebe Regenbogenfamilie
Ich freue mich sehr, heute vor Euch stehen zu können. Und ich danke Euch bzw. dem Organisationskomitee für die Einladung. Ich spreche hier als bekennender Schwuler und somit aus persönlicher Betroffenheit, auch wenn wir, mein Partner und ich, nicht gerade heute oder morgen eine Adoption eingehen wollen. Ihr werdet verstehen, dass ich heute vor allem meine persönliche Meinung vertrete. Denn wir alle wissen, dass dieses Thema bei der Familienpartei CVP, der ich angehöre, kein einfaches ist. Doch ich bin überzeugt, dass das noch kommt. Wir brauchen bloss Geduld. Denn was sachlich richtig ist, wird auch mal politisch richtig sein!
Vor knapp sechs Jahren befürwortete das Schweizervolk mit 58 Prozent das Partnerschaftsgesetz. Damals brauchte es die Ausklammerung des Adoptionsrechts, um den Durchbruch beim Partnerschaftsgesetz zu erreichen. Inzwischen sind sechs Jahre vergangen. Das Partnerschaftsgesetz hat sich als Erfolgsgeschichte erwiesen und hat zu einer breiteren Akzeptanz der Schwulen und Lesben geführt. Der gesellschaftliche Wandel kann nie still stehen. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass wir voran schreiten und die noch verbliebenen Diskriminierungen Schritt für Schritt beseitigen.
Im Zentrum, liebe Regenbogenfamilie, muss das Kindeswohl stehen. Das steht ausser Frage. Und es geht in dieser Sache auch nicht um Egoismus, wie das gewisse Kreise uns jeweils vorwerfen, und überhaupt wäre eine Adoption dann nicht nur bei Schwulen und Lesben, sondern auch bei heterosexuellen Paaren Egoismus. Nein, es geht um die Aufhebung einer nicht erklärbaren faktischen Diskriminierung. Die rechtliche Situation in unserem Land ist absurd: Als Schwuler könnte ich heute ein Kind adoptieren, solange ich nicht mit meinem Freund in eingetragener Partnerschaft lebe. Sobald ich mich eintragen lasse, wird mir eine Adoption aber per Gesetz verboten. Das ist, lasst es mich klar ausdrücken, paradox und sachlich nicht begründbar.
Es geht doch darum, dass liebende und fürsorgliche Eltern in stabilen Partnerschaften die Verantwortung übernehmen, einem Kind ein gutes Zuhause zu bieten. Liebe, Fürsorge und Stabilität sind nicht einfach nur heterosexuelle Eigenschaften. Das können wir Schwulen und Lesben genau so gut! Daher befürworte ich die Ausweitung des Adoptionsrechtes für Schwule und Lesben. Die Zeit ist reif.
Das Bundesgerichtsurteil zur Stiefkindadoption von vorgestern Donnerstag ist aus meiner Sicht enttäuschend. Die Frage einer allfälligen Stiefkindadoption muss somit definitiv durch das Volk entschieden werden.
Ich appelliere an uns alle: Seien wir trotz des negativen Urteils des Bundesgerichts nicht entmutigt. Es braucht Zeit und Geduld. Die Zeit, da bin ich ganz sicher, arbeitet für uns. Beharrlichkeit ist entscheidend. Lassen wir uns vom Bundesgerichtsurteil nicht demotivieren. Im Gegenteil: Kämpfen wir weiter für unser Anliegen.
Einige von Euch mögen sich an den Kampf des Frauenstimmrechts erinnern. Auch damals war es ein langer, ein jahrelanger, beharrlicher Kampf um die gleichen Rechte. Nehmen wir uns ein Beispiel an jener Generation von Frauen. Nur dank ihrem Durchhaltewillen, viel Ausdauer und ihrer Beharrlichkeit wurde das Ziel letztlich erreicht. Für unser Anliegen gilt dasselbe. Daher rufe ich Euch alle auf: Kämpfen wir weiter, bis wir das Ziel erreicht haben. Ich bin sicher, wir schaffen es.
Herzlichen Dank für Eure Aufmerksamkeit.




